Debatte: Welches Land wollen wir sein?

Von Anna BreithausenBild neu


Die Bühne im Großen Haus des Staatstheater Mainz. Das bunt durchmischte Publikum plappert vor sich hin. Irgendwo niest jemand. Ein Kameraaufnahmelicht blinkt. Ein Halbrund mit Stühlen füllt sich langsam. Eine ältere Dame fragt: „Sollen wir mal klatschen, damit es losgeht?“

Am Sonntagabend zur besten Tatort-Zeit beginnt Mainz, wie viele andere Städte auch, die Frage zu diskutieren:„Welches Land wollen wir sein?“ Drei Impulsgeber tragen jeweils ihren Standpunkt zu Themen wie Migration, Politik und Rechtspopulismus in Deutschland vor. Danach können sich die Zuschauer beteiligen.
Thomas Leif, Journalist des SWRs, leitet durch den Abend. Selten lenkt er die „uneingeschränkt offene“ Diskussion in eine Richtung, meist achtet er auf die Zeit und moderiert den nächsten Impulsgeber an. Da hätte man vielleicht mehr erwarten können.

Das erste Wort hat der Intendant des Staatstheaters, Markus Müller. Er erinnert an Schillers Worte mit dem Theater als moralische Instanz. Er berichtet von Reaktionen auf die Störung des Theaters der AFD-Demo im November vergangenen Jahres und freut sich auf einen offenen Austausch. Soweit so gut.

Der erste Impulsgeber Abdul-Ahmad Rashid, Islamwissenschaftler und Journalist beim ZDF, stellt sich die Frage, welche Menschen rechtspopulistische Parteien wählen, und beantwortet sie sogleich: Vermutlich aus jedem Bereich der Gesellschaft. Er erinnert, dass man diese Bewegung nicht ignorieren dürfe, sondern demokratische Strukturen nutzen müsse, um mit Populisten zu streiten. Sein Appell am Ende seiner klugen Ausführungen: Man müsse neue Formen der Beteiligung finden, wenn die Leute nicht mehr am politischen Leben teilnehmen. Seine Aussagen treffen auf bekräftigendes Kopfnicken. Die Mehrheit der Zuschauer wird sicher nicht zufällig in die Veranstaltung gestolpert sein. Nach etwas Zurückhaltung erwachen sie aus ihrer verschlafenen Zuhörhaltung und eine Diskussion kommt ins Rollen: Eine junge Politikwissenschaftlerin glaubt, dass Kinder früher für demokratische Werte sensibilisiert werden sollten. Eine Seminarleiterin der Uni Mainz mit dem Schwerpunkt Politische Bildung behauptet, wir seien gerade dabei, das Ende der Demokratie einzuleiten, man müsse kämpfen. Später wird sie stark für ihre Wortwahl kritisiert (hier greift Thomas Leif ordnungsgemäß ein und vertröstet Rückfragen auf die letzte Runde). Eine Wortmeldung fordert die Parteien auf, ihren eigentlichen Aufgaben nachzukommen. Ein anderer Zuschauer gibt zu bedenken, man nähme die AFD wichtiger als sie eigentlich sei, Demokratie ginge uns alle an.
Diese erste Debatte ist bezeichnend für den gesamten Abend. Ein Potpourri an Ausführungen und Streitfragen, die nicht unbedingt stringent oder im Zusammenhang mit dem Impuls zu verstehen sind. Aber sicher kein schlechter Anfang für den Abend.

Impulsgeberin Nurhayat Canpolat ist als Sozialpädagogin in vielen Initiativen rund um Migration tätig und selbst Kind einer Einwanderungsfamilie. Für sie seien (politische) Partizipationsrechte wichtig, vor allem für Migrantinnen und Migranten, die bereits seit mehreren Generationen in Deutschland leben. Dass Malu Dreyer nicht mit der AFD hätte sprechen wollen, sei richtig gewesen. Aber die bestehenden Widersprüche müsse man diskutieren. Nach einer kurzen Debatte darüber, ob und wie man mit der AFD sprechen dürfe oder müsse, kommt der dritte und letzte Impulsgeber Christian Nürnberger zu Wort. Der Publizist liest einen klug geschriebenen und vor allem lustigen Text vor und beschreibt sein Gefühl, dass nach Jahren der Reisefreiheit und Internationalität, mit dem Terror wieder der Schrecken Einzug in die Köpfe der Menschen erhalten habe. Nachdem er vergeblich versucht hatte mit Büchern gegen Radikalisierung anzuschreiben, versuchte er sich in der Politik, nur um festzustellen, dass man von außen kaum reinkommen könne. Viele Mitbürger hätten nicht die Chance teilzuhaben oder Dinge selbst zu verändern. Den Erfolg von Rattenfänger wie der AFD erklärt er sich so, dass sie einfache Erklärungen bieten und Flüchtlinge für soziale Probleme verantwortlich machen würden. Man müsse an die Zivilgesellschaft appellieren. Eine konstruktive Ermutigung.

Die letzte Runde dreht sich etwas im Kreis. Eine junge Frau gibt zu bedenken, dass sich selbst in dieser Debatte das übliche Bild zeige. Schließlich würden seit 20 Minuten Zuschauer den Saal verlassen, das bekannte Politikergerede würde sich entwickeln, viele junge Leute meldeten sich gar nicht erst zu Wort. Hier schritt Moderator Thomas Leif vielleicht etwas zu entschieden (oder gar etwas beleidigt?) ein: Jeder hätte die Möglichkeit zur Teilnahme gehabt.
Das Schlusswort hat der Veranstalter mit Dramaturgin Malin Nagel. Sie gibt zu bedenken, dass die Diskussion sicher erst ein Anfang war und man sich fragen müsse, inwiefern man diese Initiative weiterführen möchte. Wichtig sei auch Widersprüche und Unstimmigkeiten auszuhalten, nicht immer alles gleich kitten und rund machen zu wollen.

Zu welchem Ergebnis ist dieser Abend gekommen? Gute Frage. Handfeste Ergebnisse oder Vorschläge, in welchem Land wir leben wollen, wurden wenige gemacht. Es wurde viel über AFD, Politik und Partizipation gesprochen, aber häufig wenig konstruktiv und oft wild durcheinander. Aber vielleicht ist das ein erster Schritt: Räume zu bieten, um miteinander ins Gespräch zu kommen. Auch wenn an diesem Abend der überwiegende Teil des Publikums im allgemeinem Konsens vereint war: Gegenpositionen und die Beteiligung junger Leute hätten mit Sicherheit zu einer intensiveren Auseinandersetzung geführt. So blieb es eben bei einem mittelgroßen Ausbruch aus der Lethargie.

Der Moderator beendet das Forum. Manche klatschen. Das Kameraaufnahmelicht geht aus. Irgendwo lacht ein Zuschauer. Ein Anderer zieht schnell seine Jacke über. Dort bilden sich Gesprächsgrüppchen. Andere Zuschauer verlassen den Kreis. Auf der Bühne des Großen Hauses im Staatstheater Mainz.

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