Debatte: Welches Land wollen wir sein?

Von Anna BreithausenBild neu


Die Bühne im Großen Haus des Staatstheater Mainz. Das bunt durchmischte Publikum plappert vor sich hin. Irgendwo niest jemand. Ein Kameraaufnahmelicht blinkt. Ein Halbrund mit Stühlen füllt sich langsam. Eine ältere Dame fragt: „Sollen wir mal klatschen, damit es losgeht?“

Am Sonntagabend zur besten Tatort-Zeit beginnt Mainz, wie viele andere Städte auch, die Frage zu diskutieren:„Welches Land wollen wir sein?“ Weiterlesen

Die Bauprobe – Start in die heiße Phase des Performativen Kongresses

von Julian Schmelcher

Die Vorbereitungen für den Audiowalk auf dem Campus laufen auf Hochtouren. Ein Teil der Studierenden der Theaterwissenschaft widmet sich der Erarbeitung des Hörspiels, während sich ein anderer um die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit kümmert. Gleichzeitig sind alle Studis mit der Konzeption und Umsetzung der einzelnen Stationen des Audiowalks, die sich an ganz unterschiedlichen Orten auf dem Unigelände befinden, beschäftigt.

Bei der Bauprobe Anfang Juni kamen alle am Projekt beteiligten Institutionen, Uni, Hochschule Mainz Gestaltung und Staatstheater, auf dem Campus zusammen, um den bisherigen Arbeitsstand zu sichten und Ideen und weiterführende Impulse zu geben. Die Dozentinnen und Dozenten begingen die Stationen, wo die einzelnen Gruppen ihre Ideen präsentierten. Während die Studierenden der Hochschule alternative, futuristische Wegführungen anbrachten und Konstruktionen mit ihrem Baumaterial aus Tetrapack markierten, erprobten die TheWi-Studierenden Ausschnitte ihrer performativen Handlungen.

In zwei Wochen am 8. Juli ist es schon soweit: Wir feiern Premiere des Performativen Kongresses. Und bis dahin gibt es noch einiges zu tun…

PERFOR’MZ IV

Die PERFOR’MZ-Clubs im Zeichen des Widerstands. Was ist Widerstand? Was empört uns? Haben wir eine Chance, etwas zu verändern? Antonia Richter über die Inszenierungen des Generationentheaterclubs zeitraum und des Jugendtheaterclubs spieldrang.

Den Auftakt des Abends bildet #Widerstand, eine Produktion des Generationentheaterclubs zeitraum.

Spielerisch und gleichzeitig ernst werden Erlebnisse und Ängste, aber auch Träume und Hoffnungen der dreizehn Mitglieder erzählt. Verschiedene Kulturen kommen zusammen; verschiedene Sprachen werden gesprochen, die nur teilweise übersetzt werden. Das Alter auf der Bühne reicht von 9 bis 78 Jahren. Ein buntes Mosaik von Menschen, die sich als Gemeinschaft in ihren Geschichten annähern, ob vergangene oder zukünftige. Es wird gesungen, getanzt und musiziert; Lebensfreude und Spaß stehen an erster Stelle. Dazwischen wird es ernst. Erfahrungen mit Nazi-Deutschland, mit Krieg, Rassismus und Ungerechtigkeit im Alltag werden auf persönliche und einfühlsame Art an die Zuschauer weitergegeben. Es zeigt sich, auch wenn unsere Gesellschaft komplexer und verwirrender wird und nichts weder schwarz oder weiß ist, dass es sich lohnt, mutig zu sein: „Jedes Aufbegehren ist so einzigartig wie die Revoltierenden selbst.“

Im Anschluss: der Jugendtheaterclub spieldrang

Im Foyer, vor dem Einlass der Produktion Beim Verlassen der Komfortzone, befragen die Spielerinnen und Spielern die Zuschauer, was sie eigentlich empört. Die Antworten werden mit Name und Alter auf einem Zettel notiert.

Die Inszenierung beginnt eindrücklich und ernsthaft. Es werden Aktivistinnen aus unterdrückten Ländern porträtiert, die Musik unterstützt ein Gefühl der Beklemmung. Dann ein Cut. Drei schrille, aufgeregt gackernde und miteinander konkurrierende Bräute stürmen auf die Bühne. Sie haben sich die Malediven als Ziel ihrer Flitterwochen auserkoren – auch dort herrschen Unterdrückung und Terror. Man muss lachen, die Bräute sind auch zu komisch. Doch ihr verwöhnter Egoismus und ihre Ignoranz spiegeln eine unkritische Konsumgesellschaft wider, die im krassen Gegensatz steht zu der Lebenswirklichkeit der Widerstandskämpferinnen. Immer wieder wird die Frage aufgeworfen, was unsere Rolle ist in den Kämpfen unterdrückter Minderheiten. Auch als das Publikum gebeten wird, die Antworten auf den Zetteln vorzulesen, die vor Beginn der Aufführung aufgeschrieben wurden, verlassen sie die gewohnte Zone des passiven Zuschauens. Warum blicken wir so oft weg, wenn anderen Unrecht getan wird? Können wir überhaupt etwas verändern? Die Antwort ist: Ja. Schon in alltäglichen Situationen der Ungerechtigkeit können wir helfen, indem wir nicht die Augen verschließen, sondern unsere Komfortzone verlassen.

Unsere Gesellschaft wird zukünftig heterogener und diverser werden. Es ist notwendig, Brücken zu bauen und über unseren Tellerrand zu blicken. Die Clubs zeigen, mal spielerisch und lustig, mal ernst und beklemmend, aber immer auf unterhaltsame Weise und ohne den erhobenen Zeigefinger der Moral, wie wichtig Widerstände und ein offener Blick sind.

OPEN YOUR MAINZ IV: Albtraum Partizipation

Partizipation ja, aber wie?
Reiner Nagels Vortrag lädt zur Reflexion über Mitwirkungsmöglichkeiten an Stadtgestaltung ein

von Charlotte Selker 

Bunte Kissen und Papphocker auf dem Boden, junge Menschen mit Notizblöcken. Ungeordnete Stuhlreihen, besetzt von mehr oder weniger in der Stadtplanung aktiven Mainzer*innen, die teilweise vom Fach kommen. Durch die gläserne Fensterfront des Zentrums für Baukultur ist eine Ausstellung mit Mainzer Bauprojekten zu sehen. Im Rahmen von MainzMap IV: Zusammenleben findet der Vortrag „Albtraum Partizipation“ von Reiner Nagel, Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung Baukultur, statt. Er illustriert an Beispielen wie Stuttgart 21 oder der Elbphilharmonie in Hamburg seine Positionen.

„Wir brauchen unverkrampfte Formate der Partizipation!“, plädiert er und stimmt darin mit Gerold Reker, Präsident der Architektenkammer Rheinland-Pfalz, überein, der ihn im Zentrum für Baukultur begrüßt. Doch welche Art der Partizipation wollen wir? Wie können Expert*innen und „unbefangene Bürger“, wie Nagel sie nennt, zusammen gebracht werden? In welcher Phase der Projektplanung können gesellschaftliche Konsense getroffen werden? Das sind Fragen, die Nagel bewegen und auf die er an einigen Stellen Antworten liefert. Anstelle von Partizipation spricht er lieber von Mitwirkung. Als Mitglied der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung und des Bundes Deutscher Architekten sowie im Kuratorium Nationale Stadtpolitik hat Nagel viel Erfahrung in der Stadtplanungspraxis.

Partizipation braucht ein neues Selbstverständnis

Nagel bezieht sich auf den Architekten Markus Miessen, der diesen Vortrag eigentlich halten wollte, jedoch kurzfristig verhindert war. Nagels Beteiligungsanspruch ist radikaler Art: Es geht um die Loslösung von reinen Partikularinteressen hin zu einer Bewegung zu Werkstätten und Laboren, in denen gemeinsam geplant wird. Diese müssen jedoch gut organisiert sein. Es reicht nicht, Bürger*innen an einem bestimmten Punkt des Planungsprozesses einzubeziehen, sie müssen bereits in der Phase Null eines Projekts integriert sein.

Soll es zum Umbau eines Museums eine Bürgerinitiative geben? Der Bezug zu Mainz wird durch die Debatte um den Umbau des Gutenberg-Museums hergestellt. Hierzu lesen Lillith Häßle und Armin Dillenberger, beide Mitglieder des Schauspielensembles, zu Anfang des Abends kontroverse Leserbriefe vor.

Das bunte Programm des Thementags ist nicht nur hier vom Charme der Interdisziplinarität geprägt. An diesem Abend ist auch das Zusammenspiel von Kunst, Wissenschaft und Praxis besonders zu spüren und der Zukunftsblick bleibt nicht aus, wenn am Ende das Format der Veranstaltung wiederholt gelobt wird.

„Stadt ist Stadt, wenn sie selber mit sich uneins ist“, mit diesem Zitat eröffnet Gerold Reker die Fragerunde, in der sich das große Interesse des Publikums zeigt. In einem scheinen sich die Anwesenden jedoch einig zu sein: Ein solches Forum, um über die Zukunft der Stadt nachzudenken, solle unbedingt wiederholt werden.

FUTOUR 2116 – Die thematische Fahrradtour zu ZUSAMMENLEBEN

Von Josephine Egenolf und Linda Weißenrieder

Die FUTOUR 2116 stellt sich der allgegenwärtigen Frage: Wie werden wir in Zukunft unser Zusammenleben gestalten und wer gestaltet bereits heute unser zukünftiges Zusammenleben in Mainz aktiv mit?

Startpunkt ist am – inzwischen grünen und reich bewachsenen – Tritonplatz. Malin Nagel, Dramaturgin von „In Zukunft:Mainz“, hält einen kleinen mobilen Lautsprecher in die Höhe. Unbekannte, manchen vielleicht bekannte Stimmen leiten die folgenden Stunden der Fahrradtour mit anschließendem Picknick ein. Die Gestaltung der interaktiven Tour ist leicht erklärt: Fünf Stationen und fünf Fragen des Zusammenlebens.

Bereits beim Zusammenschluss des Zweirad-Konvois ist das Sujet der Veranstaltung zu spüren. Nur gemeinsam ist es uns möglich, rote Ampeln zu überqueren, nur im Verbund fallen wir Autofahrerinnen und -fahrern so sehr ins Auge, dass sie geduldig die lange Menschenkette passieren lassen.

IMG_6203

An den Stationen stellen sich innovative Denkerinnen und Denker sowie Organisationen und Initiativen der Stadt Mainz vor, die ihre Leitmotive auf unterschiedliche Art und Weise auf den Grundgedanken eines achtsamen und weitblickenden Zusammenlebens gründen. Darunter Station eins, die gpe Mainz (Gesellschaft für psychosoziale Einrichtungen), die Grenzen überwindend das Zusammenleben von psychisch erkrankten Menschen fördert und deren persönliche Fähigkeiten in Alltag und Beruf so stärkt, dass ihnen ein Stück selbstbestimmtes Leben ermöglicht wird.

Der Weg der Zukunftsdenker reicht bis nach Mombach. Dort trifft die Ausstellung „Mein Weg nach Mainz – Menschen von ganz nah bis ganz fern“, die sich die Kontaktaufnahme und den Dialog zwischen Neu- und Altmainzern und -mainzerinnen zum Ziel gesetzt hat, auf Medinetz Mainz, eine Einrichtung, die die Öffentlichkeit nicht nur auf das Thema Menschen in der Illegalität aufmerksam machen will, sondern auch eine medizinische Versorgung für Menschen ohne Papiere in Mainz und Umgebung anbietet.

Dem nachhaltigen, naturverbundenen Zusammenleben haben sich engagierte Gärtnerinnen und Gärtner in der Neustadt verpflichtet. Das Urban Gardening-Projekt Gartenfeld  ermöglicht es Interessierten, an der offen zugänglichen, gemeinschaftlichen Gartenfläche mitzuarbeiten und diese kostenfrei zu bewirtschaften.

IMG_6247

Am kurfürstlichen Rheinufer erwarten uns nicht nur Sonne und Wind, sondern auch der Landschaftsarchitekt und Gestalter des Adenauerufers Klaus Bierbaum. Er berichtet von der Rückgewinnung des Rheinufers als Erholungsraum durch den Bau einer Tiefgarage und der damit verbundenen Möglichkeit, die Besonderheiten des von ihm entworfenen Rheinabschnitts hervorzuheben und gleichzeitig auf die vielfältigen Interessen der Bevölkerung einzugehen.

Die Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz stellt – mit der Möglichkeit sich von den vielfältigen Eindrücken mit einem Getränk zu erfrischen – die letzte Station der Radtour dar. Die Landeszentrale regt auf vielfältige Weise die politische Bildungsarbeit in Rheinland-Pfalz an, zum Beispiel mit einer Bibliothek und einem Schriftenraum mit einem umfangreichen Publikationsangebot, und fördert in diesem Zuge diverse Einrichtungen und Organisationen.

Beim abschließenden Picknick am Zentrum für Baukultur, in dem am Abend noch der Vortrag „Albtraum Partizipation“ von Rainer Nagel stattfindet, erwarten uns selbstgemachte kleine Köstlichkeiten. Man bedient sich ausgelassen, reflektiert in entspannter Atmosphäre die vergangenen Stunden an einem auch anstrengenden Tag. Als faszinierend empfinden viele die mannigfaltigen Möglichkeiten, zukünftiges Zusammenleben in Mainz bereits heute aktiv zu gestalten. In vielen Gesprächen schwingt aber auch ein wenig Wehmut darüber mit, eine anziehende, weitblickende Stadt wie Mainz eines Tages nach einem abgeschlossenen Studium unter Umständen verlassen zu müssen.

IMG_6268

MAINZMAP III: Technik

Von Pia Schöning

Welche Rolle spielt das Individuum in einem Kollektiv wie dem Internet? Wie lässt sich digitale Selbstdarstellung mit Privatsphäre und Datenschutz vereinbaren? Und wie wird das alles in der Zukunft aussehen? Mit diesen Fragen wird der dritte MainzMap-Thementag, der ganz im Zeichen der Technik steht, am vergangenen Samstag eingeläutet.

unspecified

Welchen zentralen Stellenwert das Internet inzwischen in unserem Leben besitzt, wie viele Spuren wir in diesem unfassbaren digitalen Etwas schon hinterlassen haben und wie ungültig das Wort Privatsphäre in dieser Materie ist, wird im Rahmen eines Workshops mit dem Züricher Kollektiv Neue Dringlichkeit diskutiert. Die Künstler stellen daraufhin Möglichkeiten vor, die Datenspeicherung durch Fake-Identitäten einzuschränken und somit die Tatsache, dass es inzwischen unmöglich ist, das digitale Ich als offline zu erklären und sämtliche Daten unwiderruflich zu löschen, zu akzeptieren.

Die Entscheidung, ob man sein eigenes digitales Auftreten nun über den Haufen werfen und sich ab sofort eingeschränkt und inkognito im Internet fortbewegen möchte, wird im Anschluss direkt auf die Probe gestellt. Im Rahmen der Futour 2116-Fahrradtour wird die App Radwende vorgestellt, die das Fahrradfahrverhalten des Nutzers trackt und je nach Leistung Coupons für ausgewählte Mainzer Geschäfte, die auf Nachhaltigkeit setzen, freischaltet. Weitere Stationen der Futour sind Freifunk Mainz, das sich für ein freies WLAN-Netz für die Stadt einsetzt, sowie das Institut für sozial-ökologische Forschung, die durch alternative Mobilitätsmöglichkeiten eine grünere Stadt anstreben. Darüber hinaus stellt sich der Co-Working Space M1 vor, der Arbeitenden einen Open Space bietet und sich aus Arbeitsplatz, Internet und nicht zuletzt Austausch mit anderen Co-Workern zusammensetzt, sowie das TechnologieZentrumMainz, die Büroräume an junge Unternehmen vermieten. Anschließend bildet ein Picknick im 18. Stock der Bonifatiustürme Raum für Diskussionen und Nachfragen.

unspecified3

Vor dieser Kulisse wird im Anschluss an Ingolfur Blühdorns Vortrag „Politische Identität und Artikulation im digitalen Zeitalter“ über Selbstdarstellung und politische Aktionen in sozialen Netzwerken diskutiert und überlegt, welchen Einfluss diese auf demokratische Verfahren haben können. Während des Vortrags wechselt Blühdorn mehrfach den Raum und wird simultan dazu – ganz im Sinne der Frage nach der Nutzung der neueren Technik und Vernetzung – per Videokamera begleitet. Da die Aufnahme parallel im Internet gestreamt wird, können somit die Zuschauer in den verschiedenen Räumen gleichzeitig teilnehmen.

Den Abschluss bildet eine Lectureperformance der Neuen Dringlichkeit, die sich mit kurzen Performances den Fragen nach Entwicklung und Bedeutung des Individuums und der Gesellschaft in der Zukunft und der Anonymisierung von Kunst nähert.

Sich zu überlegen, welche Rolle Vernetzung, digitale Selbstdarstellung und Aktivismus im Internet in der Zukunft spielen könnten, betont vor allem, welche Stellenwerte sie schon heute im Jahr 2016 einnehmen. Und auch wenn die Diskussionen und Gedankenspiele nicht zu Lösungen führen, boten die Veranstaltungen Raum zum Umdenken, Nachdenken und Neudenken über Technik und Mainz im aktuellen und zukünftigen digitalen Zeitalter.

unspecified4

Informationen zum vierten MainzMap-Thementag am 18./19.06. finden Sie unter Programm oder auf der Seite des Staatstheaters Mainz.